Hanf – Nutzpflanze mit Geschichte und Zukunft

Hanfernte 2021 | Foto: E. Götting-Martin

Hanfernte 2021 | Foto: E. Götting-Martin

Im Museumsdorf Düppel wird zu Forschungszwecken seit 2021 Textilhanf angebaut, um die Geschichte und die Nutzung der Pflanzenfasern im Mittelalter zu untersuchen.

Erste Anbau- und Verarbeitungsversuche 2021


Dr. Julia Heeb (Stadtmuseum Berlin), Ronja Lau, Ulrike Orlowski und Karsten Seyfert (Förderverein Museumsdorf Düppel e.V.)

Nach einem längeren Antragsverfahren wird seit April 2021 Nutzhanf im Museumsdorf Düppel angebaut. Die Genehmigung der Bundesopiumstelle in Bonn gilt für drei Jahre, kann jedoch verlängert werden. So ist es endlich möglich ein Hanffeld zu zeigen und auch diesen Teil der Grabungsergebnisse für das Publikum erlebbar zu machen. Der Nutzhanf wird jedoch nicht nur als Augenweide für unsere Besucherinnen und Besucher angebaut, sondern auch um die Produktionskette von pflanzlichen Fasern zu erforschen. Hierfür ist jedoch viel Erfahrung erforderlich, weshalb im ersten Jahr noch keine gezielten Experimente stattgefunden haben. Alle Projektbeteiligten müssen sich zunächst mit den vielen, sehr diversen Arbeitsschritten und Möglichkeiten vertraut machen. So ist dieses erste Jahr dem „herum probieren“ gewidmet gewesen.

Hanfpollen aus dem Mittelalter


Während der Ausgrabungen in und um die mittelalterliche Siedlung auf der das heutige  Museumsdorf errichtet wurde, konnten Pollenproben aus den Brunnenverfüllungen und dem  Krummen Fenn entnommen werden. Das Krumme Fenn ist ein eiszeitlicher Restsee, der jedoch schon im Mittelalter verlandet war. Heute kann es eher als Moor angesprochen werden. Mitte der 1980er Jahre wurden zwei Grabungsschnitte bis an den Rand des Krummen Fenns gelegt um die Ablagerungsfolge der Sedimente zu untersuchen (Brande 1985). Neben dem Pollendiagramm, auf das später noch näher eingegangen werden soll, konnte festgestellt werden, dass das dem Dorf zugewandte Ufer während des Mittelalters von Menschen und Tieren frequentiert wurde. Die Torfbildung hörte dadurch ab dem Mittelalter auf. Der Zustand des Krummen Fenns im Mittelalter lässt vermuten, dass es wahrscheinlich nur noch als Viehtränke und für die Wasserrotte von Hanf hätte genutzt werden können (Brande 1985). Zum Fischen und zur Trinkwasserentnahme wird sich das Fenn schon damals nicht geeignet haben. Klar ist jedoch, dass es Teil des Dorfes war und wahrscheinlich eine Art natürlichen Schutz geboten hat.

Weitere Nachweise für Hanfnutzung


Nachweise für die Nutzung von Cannabis können verschiedene Formen annehmen. Neben den Pollen, die in Bodenproben auf dem Gelände des heutigen Museumsdorfes identifiziert werden konnten, sind es vor allem Makroreste wie Samen und Fasern oder deren Abdrücke auf Keramik, die Rückschlüsse auf den Anbau von Cannabis zulassen. Für welche Nutzung die Pflanzen angebaut wurden ist vor allem in der Vorgeschichte schwer zu sagen. Auch lassen sich Hanffasern nur sehr schwer bis gar nicht von Flachsfasern unterscheiden (McPartland und Hegmann 2018, 628; Banck-Burgess 2013, 23; Bergfjord und Holst 2010). Dies erschwert die Rekonstruktion der Entwicklung der Hanfnutzung in Zeit und Raum. Vereinzelte Abdrücke auf Keramik deuten auf eine Nutzung von Cannabis seit dem Neolithikum hin, sind jedoch so selten, dass es sich auch um Fehlidentifikationen handeln könnte (McPartland und Hegmann 2018). Belegt sind die Nutzung und wahrscheinlich auch der gezielte Anbau seit der Kupferzeit (McPartland und Hegmann 2018).

Für das Mittelalter ist der Anbau und die Nutzung von Hanf gänzlich gesichert, jedoch das Ausmaß der Nutzung von Hanf als Kleidungsfaser schwer einzuschätzen, da sich die Fasern von Hanf nur schwer von anderen Pflanzenfasern unterscheiden lässt (Körber-Gröhne 1988; Banck-Burgess 2013, 23; Bergfjord und Holst 2010). Durch die Schwierigkeit der Materialbestimmung, wird in vielen archäologischen Berichten zu Textilfunden meist entweder von Wolle oder von Leinen gesprochen. Gemeint ist jedoch meistens der Sammelbegriff, also Pflanzenfasern oder tierische Haare. Die unpräzise Terminologie hat dazu geführt, dass Leinen und Wolle oftmals als die einzigen textilen Rohstoffe angesehen wurden (Banck-Burgess 2013, 23; Haupter 1989, 696). Modernere Publikationen sprechen Pflanzenfasern meist als „Leinen oder Hanf“ an (Kania 2010, 34). So hat sich eine Schieflage entwickelt, die nur durch flächendeckende Analysen korrigiert werden könnte. Durch den Nachweis von Hanfpollen aus den Brunnenverfüllungen und dem Krummen Fenn, ist jedoch gesichert, dass in der mittelalterlichen Siedlung Hanf angebaut wurde.

Hanffeld im Museumsdorf Düppel 2021 | Foto: Ronja Lau.

 

Literatur:
Banck-Burgess, J.; Verhecken-Lammens, C.; Mitschke, S.; Vanden Berghe, I.; Fuchs, R.; Oltrogge, D.; Van Strydonck, M.; Margarita Frei, K.; Michler, E.; Andersson Strand, E.; Paetz gen. Schieck, A., 2013: Methoden der Textilarchälogie in. Michael Tellenbach, Regine Schulz, Alfred Wieczorek (Hrsg.) Die Macht der Toga – DressCode im Römischen Weltreich, Schnell und Steiner, 21-30.

Brande, A. 1985: Mittelalterlich-neuzeitliche Vegetationsentwicklung am Krummen Fenn in Berlin-Zehlendorf, Verhandlungen des Berliner Botanischen Vereins, 4, 1985, 3-65.

Bergfjord, C.; Holst, B. 2010: A procedure for identifying textile bast fibres using microscopy: Flax, nettle/ramie, hemp and jute, Ultramicroscopy, 110, 1192-1197.

Clarke, R.C.:2007: Traditional Cannabis Cultivation in Darchula District, Nepal–Seed, Resin and Textiles, Journal of Industrial Hemp, 12 (2), 19-42.

Clarke, R.C. 2010a: Traditional Fiber Hemp (Cannabis) Production, Processing, Yarn Making, and Weaving Strategies – Functional Constraints and Regional Responses. Part 1, Journal of Natural Fibres, 7:3, 118-153.

Clarke, R.C. 2010b: Traditional Fiber Hemp (Cannabis) Production, Processing, Yarn Making, and Weaving Strategies—Functional Constraints and Regional Responses. Part 2, Journal of Natural Fibres, 7:3, 229-250.

Förster, A. 2016: Die Anlage und Gliederung der Museumslandschaft, Düppel Journal 2015, 2016, 23-27.

Haupter, M., 1989: Probleme der Faserbestimmung bei textilen Funden. Fundberichte aus Baden-Württemberg, 14, 693-698.

Kania, K. 2010: Kleidung im Mittelalter – Materialien – Konstruktion – Nähtechnik (Köln 2010).

Körber-Grohne, U. 1988: Microscopic Methods for Identification of Plant Fibres and Animal Hair from the Prince’s

Tomb of Hochdorf, Southwest Germany, Journal of Archaeological Sciences, 15, 73-82.

Körber-Grohne, U. 1991: The determination of fibre plants in textiles, cordage and wickerwork, In (Hrsg.) J. Renfrew, New light on early farming. Recent developments in palaeoethnobotany. Proceedings of the 7th Symposium of the IWGP, Cambridge 1986, 93-104, Edinburgh, Edinburgh University Press.

McPartland J.M. und Hegman, W. 2018: Cannabis utilization and diffusion patterns in prehistoric Europe: a critical analysis of archaeological evidence, Vegetation History and Archaeobotany 2018, 27, 627-634.

Plarre, W. 1990: Erhaltung historischer Kulturpflanzen, Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland. Beiheft (Oldenburg) 4, 1990, S. 149 – 157.

Robinson, B.B., Schoffstall, C.W. 1946: The Italien hemp Industry, Washington DC, Hobart. Satul de canapa – Film Etnografic 2020: https://www.youtube.com/watch?v=J8MKr_NfGHA (Letzter Zugriff 10.12.2021).

Troldtoft Andresen, S. und Karg, S. 2011: Retting pits for textile fibre plants at Danish prehistoric sites dated between 800 B.C. and A.D. 1050, Vegetation History and Archaeobotany, 20, 517-52

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